die Seite ‘Drei’

Als ich fünf Jahre alt war, wollte ich Schriftstellerin werden. Ich schlug die erste Seite meines Kieserblocks auf und notierte in der wackeligen Schönschrift eines Vorschulkindes meine ersten Sätze. Es sollte eine Weltreise, eine Zeitreise und eine Reise zu mir selbst werden. Nach einer drei viertel Seite klammerte ich mich müde an meinen Stift und entdeckte, dass ich mit meinem Vorhaben zwar schon Europa durchquert hatte und nach Afrika kam, jedoch Asien und Amerika völlig vergessen hatte und immer noch in der Gegenwart klebte. Das Blatt fiel unter den Tisch, bis es gelb wurde und wortlos starb.

Heute, knapp siebzehn Jahre später habe ich gelernt, dass ich zunächst die Wege eines Kindes gehen musste um zu verstehen was eine Emotion, ein Mensch, eine Intention bedeutet und wie meine Worte sie tragen können.

Ich musste an das andere Ende der Welt reisen um zu spüren was Sehnsucht bedeutet, und dass es das Gefühl ist, aus welchem mein Schreiben resultiert.

Ich musste den Kieserblock durch einen Computer ersetzen, Druckschrift lernen und vor allem eines: meinen Geschichten zu folgen, anstatt zu verlangen, dass sie mir folgen.

In meinem ersten Buch „Menschen mit Meer“ bin ich lediglich bis an die Nordseeküste gekommen und habe dennoch gelernt, was es heißt tief zu tauchen.

„Kleine Wege“ heißt der Verlag, der das Buch veröffentlichen wird. Auch wenn ich denke, dass wir weitaus größere Schritte zurückgelegt haben.